Sehr gerne habe ich die Einladung angenomen für den Hernsteiner 01/2019 zum Schwerpunktthema „Individualisierung“ die Coverstory zu verfassen. Als Physikerin bin ich darauf konditioniert in Gegensatzpaaren zu denken. Zu diesem Thema habe ich 3 Dualitäten in den Mittelpunkt meiner Überlegungen gestellt:

  • Individualisierung in einer globalisierten Welt
  • Einzigartigkeit führt zur Vielfalt
  • der/die Einzelne in einer Gemeinschaft

Gegenläufige Trends:

Wir leben in einer Welt der vernetzten Individualist*innen, die das Leben als Castingshow begreifen – mit viel Selbstpräsentation und Eigenmarketing. Das ist der Gegenpol zur zunehmenden Globalisierung, die z.B. ins Auge sticht, wenn man kaum unterscheiden kann, in welcher Stadt man schlendert, weil sich die Auslagen internationaler Ketten so ähneln. In Unternehmen wird aus ökonomischen Gründen zunehmend zentralisiert und standardisiert. Die Generation Ego legt jedoch Wert auf ein selbstbestimmtes Leben. Wie passt das zusammen?

Spannende Gegensätzlichkeiten! Als Physikerin weiß ich: Spannung ist Potentialdifferenz. Und wenn der Widerstand passt, fließt Strom und entsteht Leistung. In der Quantenphysik ist der Umgang mit Widersprüchlichkeiten das tägliche Brot.

Risikofaktor Monokultur

Unternehmen neigen dazu, immer wieder ähnliche Menschen zu rekrutieren. Gleich und Gleich gesellt sich eben gerne. In unserer Welt der Umbrüche ist dies hochriskant. In der Geldveranlagung ist Diversifizierung zur Streuung von Risiken gang und gebe, um für unbekannte zukünftige Entwicklungen breit aufgestellt zu sein. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel ist nicht mehr beständig. Vielmehr unterliegt der Wandel selbst einem Wandel – vom continuous zum disruptive Change. Jetzt gilt:

„Gewiss ist nur die Ungewissheit.“

Wie kann man dem Unbekannten vorausschauend begegnen? Der Kybernetiker Heinz von Förster appelliert:

„Handle stets so,
dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.“

Die Homogenität in der Monokultur ist spezialisiert. Heterogenität von Mixed Teams macht kreativ und innovativ, weil es mehr Optionen bietet. FörsterInnen begegnen dem sich abzeichnenden Klimawandel mit noch nicht vorhersehbaren Folgen, in dem sie bevorzugt Mischwälder pflanzen. Diese sind wesentlich resilienter, weil sie einerseits weniger anfällig gegen Schädlinge sind und sich z.B. durch unterschiedliche Wurzeltiefe gegenseitig unterstützen können.

Ein weiterer erheblicher Nachteil der Monokultur mit Sollprofilen der Kompetenzanforderungen, ist die von Prof. Dr. Markus Hengstschläger beschriebene Durchschnittsfalle. High Performance kann es sich nicht leisten, auf die individuellen Stärken zu verzichten.

In diesem Blog habe ich für Sie 12 Thesen für den Kulturwandel in der VUCA-Welt zusammengestellt.

Konstruktiver Umgang mit Unterschiedlichkeit: Vom Konflikt- zum Synergiepotential

Diversity Management ist gefragt. Gemäß dem Motto meines Möglichkeits-Meeres:

„Vielfalt macht vieles vielleichter
und dadurch viel leichter.“

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man die Falle des dichotomischen Denkens in „Stärken oder Schwächen“ bzw. „besser oder schlechter“ überwindet. Die Gangschaltung des Fahrrads funktioniert nur wegen der Unterschiedlichkeit der Zahnräder. Übertragen auf menschliche Eigenschaften würde das große Zahnrad verächtlich auf das kleine Zahnrad hinunterblicken: „Ich bin viel größer als du!“ Dieses würde sich mit dem Gegenvorwurf revanchieren: „Ich bin dafür viel schneller als du!“ In der Haltung von „wertschätzend-anders“ sorgt das kleine Zahnrad für die Geschwindigkeit und das große für das Drehmoment.

Genauso brauchen erfolgreiche Teams ausgleichende ambivalente Kompetenzen: z.B. Menschen, die den Überblick wahren und solche, die verlässlich bis ins Detail sind, solche die innovativ das Neuland erkunden und solche die bewährte Traditionen wahren, umsichtige und risikobereite Menschen, etc. Der Schauspieler Constantin Stanislavski rückt ins rechte Licht:

„Es gibt keine kleinen Rollen.
Es gibt nur kleine Schauspieler*innen.“

Wer trägt was zur gemeinsamen Performance bei, ist die entscheidende Frage. Erfahrene Schauspieler*innen unterstützen daher Newcomer, weil sie nur miteinander Chance auf einen Premierenerfolg haben. Herbert Pietschmann, Professors der Philosophie und Quantenphysik, über den Umgang mit Einzigartig- & Unterschiedlichkeiten:

„Verbinde ohne zu egalisieren,
unterscheide ohne zu trennen.“

Erfolgreiche Teams brauchen verbindende Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Einzigartigkeiten.

Siehe auch mein Blog: Bereichernde Vielfalt

Mentale Orthopädie® für einzig-artige Menschen in (beruflichen) Gemeinschaften

Orthopädie bedeutet die Lehre des Aufrichtens. Und während es in der Medizin um die Wirbelsäule, den Stand und den Gang geht, dient die Mentale Orthopädie® der Entfaltung des Rückgrats, der inneren und äußeren Standfestigkeit und der geistigen Beweglichkeit von Menschen – für aufrecht-aufrichtige, Sinn-geprägte Beziehungen auf Augenhöhe. Das Fundament dafür bildet das Erfolgs-Dreieck:

Siehe auch mein Blog: Mentale Orthopädie® für gute Standfestigkeit und einen starken Auftritt

Tipps für Erfüllung & Erfolg

Im Karriere-Interview, das Paul Jetzek mit mir geführt hat, war eine Basisfrage: „Für die Karriere ist wichtig  …“

meine Antwort darauf: “ … die gesunde Frage „Was heißt erfüllendes und erfolgreiches Leben für mich?“ von der krankmachenden und stressfördernden Frage „Was gilt in der Gesellschaft als Erfolg?“  zu unterscheiden.

Für erüllende & erfolgreiche (Lebens-)Führung empfehle ich:

1. Leben Sie Ihre Einzig-Artigkeit:

Wir sind zur Artigkeit erzogen. Kaiser Josef II hat noch gemeint: „Ich brauche keine Beamten, die mitdenken, sondern solche, die ihre Pflicht erfüllen.“ Das „E“ im CEO steht üblicherweise für Executive also Ausführende*r und nicht für Entrepreneur wie Unternehmende*r. Entwickeln Sie sich weiter zur Einzig-Artigkeit. Peter Zadek, prägender Regisseur des deutschsprachigen Theaters hat Schauspielstudierenden(!) diese Grußbotschaft übermittelt:

„Wir wollen Euch ermöglichen, Euch kennenzulernen.
Dazu zu stehen, wer Ihr seid.
Um nicht demonstrieren zu müssen, wer Ihr seid.
Technik ist ein nützlicher Zusatz.“

Mehr Halt(ung) von Innen braucht weniger Maske im Außen. Traurigerweise gibt es so viele egoschwache Menschen, die dann ihr Ego auf Kosten anderer aufwerten. Präpotenz und Arroganz ist eine andere Form des Minderwertigkeitskomplexes. In meinen Trainings und Coachings stelle ich daher häufig die „Sickerfrage“, die anhaltendes Nachdenken und Bewusstsein auslösen soll:

„Weißt du noch wer du warst,
bevor dir die Welt erzählt hat, wer du sein sollst?“

Vordergründig ist Individualisierung der Megatrend. In Wirklichkeit gibt es so viele vermeintliche Idole, denen viele ziemlich unreflektiert nacheifern. Darum ist auch meine Lieblings-Widersprüchlichkeit:

„Entwickle dich weiter und bleibe du selbst.“

Darum bin ich auch eine flammende Befürworterin der HIN-Bildung: die eigenen individuellen Stärken und Talente weiterentwickeln und (selbst-)bewusst für gemeinsame Erfolge nutzen. Wenn es nach mir ginge hinge in jeder Bildungseinrichtung der Spruch von Unbekannt:

„Nutze die Talente, die du hast.
Die Wälder wären sehr stumm, wenn nur die hochbegabten Vögel sängen.“

Daher wünsche ich Ihnen lohnende Auf-Gaben, die Sie mit den Ihnen gegebenen Talenten meistern können.

2. Haben Sie den Mut zur Eigen-Artigkeit:

Eigen-artig ist deutlich zielführender als fremdgesteuert – auch wenn das andere eigenartig finden. Wieder eine „Sickerfrage“:

„Lebst du oder wirst du gelebt?“

Nehmen Sie Lebens-FÜHRUNG wörtlich. Nur wer sich selbst klug führt, kann auch andere Menschen, Themen und Vorhaben zum Erfolg führen. Das schlimmste Gefängnis ist die Angst, was andere über uns denken. So werden wir in lebensfeindliche und leistungshemmende Korsette eingeschnürt. Mit den Worten vom Heimatdichter Karl Heinrich Waggerl

„Das Wesentliche an der Existenz des Menschen
ist seine Fähigkeit, sich nicht anzupassen.“

Nur so entsteht ermöglichende Vielfalt statt lähmender Einheitsbrei.3. Finden Sie Ihren Eigen-Sinn:

Wer kennt sie nicht: die frustrierte Frage „Warum tue ich mir das an?“ Wer in guten Zeiten ein kraftvolles WOFÜR entwickelt, bringt an trüben Tagen Durchhaltestärke auf. IKIGAI ist ein japanisches Konzept des Lebenssinnes. Wörtlich bedeutet es „Das, wofür es sich auszahlt, morgens aufzustehen.“ Und ein deutsches Sprichwort besagt:

„Wo deine Gaben liegen,
da liegen auch deine Aufgaben.“

Meine Zusammenfassung von Motivation:

„Menschen – wollen – Sinnvolles – bewirken.“

Wir Homo Sapiens sind von Natur aus soziale Wesen, die als wertvolles Mitglied von Gemeinschaften akzeptiert werden und Nützliches beitragen wollen. „Was macht Ihren Einsatz wertvoll und was ginge verloren, wenn Sie nicht oder nicht so gut arbeiten würden?“ ist daher meine Lieblingsfrage für Mitarbeiter*innen-Gespräche

5. Agieren Sie stimmig

Im Theater können wir Figuren erleben, weil einzig-artige Menschen höchst authentisch und präsent durch die Augen einer Rolle auf das Thema schauen. Wenn sie deren Interessen vertreten, entstehen daraus Interessenkonflikte mit anderen Figuren und in Folge Handlung. Auch im Business ist die Verbindung von Authentizität mit Rollenklarheit zielführend. Egal ob ich gerade als Fachkolleg*in, Projektleiter*in, Linienführungskraft oder Freund*in fungiere: Ich bin immer ich. Durch die unterschiedlichen Rollen ist anderes Auftreten und Agieren angemessen. Die daraus resultierende Glaubwürdigkeit ist der beste Nährboden für eine Vertrauenskultur, die wiederum die Voraussetzung für Kreativität und Innovation ist. Übrigens: Schauspieler*innen halten sich an die Vorgaben der Inszenierung, die Textvorlagen und die in den Proben getroffenen Vereinbarungen. Und sie interpretieren und verkörpern die Rolle geprägt von ihrem Sosein als Mensch. Analog gilt im Business die entscheidende Frage: „Was ist vorgegeben und was ist von den Einzelnen individuell gestaltbar?“

6. Profitieren Sie von anderen Sichtweisen

Andere Sichtweisen erschließen zusätzliche Möglichkeiten. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass im Wort MEINung schon drinnen steckt, dass es sich dabei um MEINE MEINung handelt. Sie können ja Wort schöpfen und „DEINE DEINung“ kreieren. Bzw. per Sie: „IHRE IHRung“ – nicht zu verwechseln mit IHRE IRRung.

„Wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind.“

eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt für spannende, erkenntnisreiche Dialoge auf der Suche nach „UNSERER UNSung“. Als Motto gemeinsamer Vorhaben könnte gelten: „Aus Ihrer Sicht und aus meiner Sicht betrachten wir ein gemeinsames Ziel“. Albert Einstein’s Aussage

„Wenn zwei immer einer Meinung sind, ist einer überflüssig“

können Sie mit der Zeile

„I burg dir meine Augn. Kannst amol aus mir aussi schaun!“

aus dem von Lied Wolfgang Ambros & André Heller „Kumm ma mit kane Ausredn mehr“ begegnen.


Die Magic Angle Sculptures des Künstler John V. Muntean werfen je nach Blickwinkel ganz unterschiedliche Projektionen z.B. Riddle of the Sphinx ein krabbelndes Kleinkind, einen kraftvollen Erwachsenen oder einen alten Mann am Stock.

Wertschätzendes Miteinander der Generationen ist auch ein gesellschaftlich höchst relevantes Thema. Hilfreich ist dabei anti-kategorales Denken: Es gibt genauso wenig DIE Generation Y wie DIE 50+-Arbeitnehmer*innen. Dabei handelt es sich um unzulässige Verallgemeinerungen. Genauer betrachtet sieht man jeweils höchst unterschiedliche, einzigartige Menschen, die einander sinnvoll unterstützen und ergänzen können.

Siehe auch mein Blog: Wertschätzendes Miteinander der Generationen als Brücke über die Digitale Kluft

7. Das TEAM ist der Star

Idealerweise steht TEAM für „Together Everybody Achieves More“. Tatsächlich macht Vertrautheit im TEAM stressresistent und krisenfest. Wenn auf meine TEAM-KollegInnen Verlass ist, trägt das dazu bei, kritische Situationen zu entkatastrophsieren. Gemeinsame Erfolgserlebnisse sind auch leistungssteigernd. In der Studie “Prior shared success predicts victory in team competitions”, Nature Human Behaviour, 3.12.2018, u.a. Julia Neidhardt, Forschungsbereich E-Commerce, Technischen Universität (TU) Wien hat sich gezeigt: Bei gleichem Mittelwert der Stärken der SpielerInnen sind ganz klar jene TEAMs überlegen, die bereits mehr gemeinsame Erfolge erzielt haben.

Ist Ihnen schon aufgefallen, wenn wir „I“ durch „We“ ersetzen wird aus „Illness“ „Wellness“! Mit den Worten von Herbert Pietschmann:

„Ich kommunizieren also sind wir.
Wir kommunizieren also bin ich.“

Und tatsächlich belegen schulmedizinische Studien, dass Menschen mit gut gepflegten Beziehungen ein nur halb so großes Risiko haben, im nächsten Jahr zu sterben wie gleichaltrige einsame Menschen. Der Volksmund hat schon recht:

„Durch’s Reden kommen die Leute zusammen.“

Conclusio

Führen von Digitalen Individualist*innen heißt

  • zu vermitteln zwischen gemeinsamen Zielen und individuellen Bedürfnissen
  • die Stärken der Einzelnen auf die gemeinsamen Vorhaben zu fokussieren
  • Spielräume zu eröffnen und Spielregeln zu vereinbaren
  • Dialoge zu führen, um den Perspektivenreichtum zu erschließen
  • gemeinsame Erfolge und die Beiträge der Einzelnen zu würdigen

Peter Drucker:

„Um Wissen produktiver zu nutzen müssen wir lernen
sowohl den Wald als auch die Bäume zu sehen.“

In gekürzter Form ist dieser Text im Hernsteiner 01/2019 zum Schwerpunktthema „Individualisierung“ unter dem Titel

„STANDFEST UND BEWEGLICH
Wie Sie authentisch unterschiedliche Menschen führen – und sich selbst“

erschienen und unter das Motto gestellt:

„Seien Sie Sie selbst,
fallen Sie aus dem Rahmen
– aber bleiben Sie in der Rolle!“

Und hier noch ein Blog im Hernstein-Newsroom:

Fallen Sie aus dem Rahmen, aber bleiben Sie in der Rolle

 

Über: Monika Herbstrith-Lappe

Geschäftsführende Unternehmerin von Impuls & Wirkung – Herbstrith Management Consulting GmbH, High Performance Coach, Keynote Speaker, Top Trainerin, Certified Management Consultant, Autorin von Büchern und Fachartikeln