Traditionell werden Konflikte als „Krankheiten“ der Beziehung betrachtet. Das äußert sich im Sprachgebrauch. Wir sprechen von Konfliktkeimen & -symptomen, von latenten Konflikten die ausbrechen, in der Rhetorik kann man sogar gegen Konflikte vorbeugend impfen, indem man selbst zu erwartende Gegenargumente in abgeschwächter Form einbringt und entkräftet – und so gegen Killerargumente immunisiert.

Systemisch betrachtet sind Konflikte als Spannungen durch unterschiedliche Interessen & Zielsetzungen ganz normaler Bestandteil von Beziehungen.

Ich behaupte:

Wenn es in einer Beziehung keine Konflikte gibt,
dann ist die Beziehung tot.

In der systemischen Sicht sind Konflikte ein Aufeinanderprallen von Interessen. Wenn es diese nicht mehr gibt, dann ist es ein Nebeneinanderher ohne Austausch.  Oder eine symbiotische Beziehung, in der kein bereichernder Austausch mehr stattfinden kann. Dazu Albert Einstein:

„Wenn 2 immer einer Meinung sind,
dann ist einer überflüssig“

Das Ohm’sche Gesetz zwischenmenschlicher Beziehungen

Als Physikerin habe ich zu Spannung eine positive Einstellung.Genaugenommen bezahlen wir mit der Stromrechnung, dass in der Steckdose eine Spannung von 230 Volt herrscht. Spannung ist Potentialdiffernz. Sie lebt von der Unterschiedlichkeit. Und sie ermöglicht dass Strom fließt. Vielleicht ist Ihnen das Ohm’sche Gesetz, eine der wichtigsten Gleichungen der Physik in Erinnerung – mit der Eselsbrück URI:

Spannung U = Widerstand R x Stromstärke I

Ohne Spannung kein Strom und keine elektrische Leistung, die sich als Spannung x Widerstand berechnet. Vorausgesetzt, dass der Widerstand passt. Auch zu Widerstand habe ich eine posive Beziehung. Es gibt sogar Unternehmen, deren Geschäftskonzept darin besteht, Widerstände zu erzeugen. Wie wichtig Widerstand ist, bemerken wir bei Glatteis. Zu geringen Widerstand und zu wenig Reibung, fällt uns die Fortbewegung schwer. Veränderung braucht Widerstand.

Kontraproduktive Fried-Höf-lichkeit

Aufgrund meiner artigen Sozialisation bin ich gefährdet von der Falle der Harmoniesucht. Meine durch die Erziehung antrainierte „natürliche“ Konfliktstrategie ist die Konfliktvermeidung. Doch Konflikt- & PROblem-Vermeidung ist in Wirklichkeit Lösungsvermeidung. Denn der Konflikt & das PROblem bleiben ja bestehen. Des lieben Friedens willen bleibe ich oft höflich, obwohl eine Konfrontation angemessen wäre. Diese Fried-Höf-lichkeit erzeugt Minenfelder: schließlich muss ich mir merken, wo ich überall heiße Kartoffel schweigend vergraben habe und wo daher überall Konfliktfelder lauern. Wie wenn eine Maus unter dem Teppich laufen würde, stolpert man immer wieder über ungelöste Konflikte.

Konflikte als emotionale Investition

Meine von mir zum Selbstbewusstsein erzogene Tochter Hanna hat im Alter von 14 Jahren gemeint:

„Mama, du erzählst ja in deinen Trainings,
dass Konflikte Vertrauensbeweise sind.
Und weil ich dir vertraue, streite ich so gerne mit DIR!“

Der zweite Teil ist von ihr manipulativ benutzt. Doch die Kernaussage stimmt. Konflikt ist, was beide als Konflikt aufgreifen. Einen Konflikt zu vermeiden, indem man ihm ausweicht, bedeutet nicht nur, dass die Sache nicht Wert ist, sich damit auseinanderzusetzen sondern auch das Bedürfnise des/der Anderen in Bezug auf die andere Sache.

 „Ich streite nur mit Menschen,
die ich liebe oder die mir nahe stehen.
Bei allen anderen lohnt sich der Aufwand nicht.“
N.N.

Im Konflikt setzten wir uns unserer Verletzlichkeit aus. Wir riskieren etwas. Wenn wir uns einem Konflikt stellen, bedeutet das auch, dass der/die andere unsere emotionale Investition Wert ist. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen wir paradox das umgangssprachliche Wort „scheißegal“ ist. Ist es doch ein intensiv emotionaler Ausdruck und daher das Gegenteil von egal.

Gut geregelte Konflikte vertiefen Beziehungen. Die gute Erfahrung selbst wenn es heftigen Streit gibt finden wir wieder eine Versöhnung und gute Regelungen, stärkt das gegenseitige Vertrauen. Man hat sich zusammengerauft. Die Beziehung ist sturmerprobt.

Erfreuliche Spannung

Geschichten leben von einem zentralen Konflikt. Storytelling in einem Satz zusammengefasst:

Jemand will etwas unbedingt erreichen
und stößt dabei auf erhebliche Hindernisse.

Je größer der Konflikt, desto spannender die Geschichte. In der Theatersprache spricht man von den Beträgen. Das ist das worum es geht. Je mehr auf dem Spiel steht, desto mehr Handlung entsteht und desto mehr interessiert uns die Geschichte.

Spannung entsteht durch Irritation von Erwartungen z.B. indem man Informationen vorenthält. Ein einfacher Trick besteht darin, dass Sie bei Präsentationen zunächst immer die zweitwichtigste Erkenntnis erzählen. Sofort rattert das Hirn, was die wichtigste sein könnte.

Interessen verhandeln

Die Aufgabe der Schauspieler*innen besteht darin, durch die Augen der einzelnen Rollen auf das Thema zu schauen und die Interessen der Figur zur verhandeln. Durch das Aufeinanderprallen von Interessen entsteht die spannende Handlung der Geschichte. Übrigens Spannung kann man auch auf den Theaterbühnen nicht nur behaupten und vortäuschen. Wenn die Schauspieler*innen nicht selbst in der Spannung sind & aus ihr heraus agieren, können wir es im Publikum auch nicht als spannend erleben.

Ich unterstütze daher vollinhaltlich den Appell von Robert Kegan:

„Betrachte Konflikte immer als Aufeinanderprallen von Ideen,
nicht von Menschen.“

In der Sprache von Konfliktmanagement kann man Konflikte auch nicht lösen sondern nur regeln. Wenn z.B. das Interesse haben, dass die Funktionalität möglichst individuell nutzbar sein soll und die anderen, dass die Kosten durch Standardisierung möglichst niedrig gehalten werden sollen, so handelt es sich dabei um einen Interessenskonflikt, der besteht. Eine Regelung kann z.B. so aussehen, dass man eine Basis vereinheitlicht, die dann durch ergänzende Module oder durch unterschiedlilche Einstellungen auf die Kund*innenwünsche angepasst werden kann. Customizing ist das Fachwort dafür.

Lachen als Ventil

Unsere Fähigkeit des Lachens hat sich evolutionsgeschichtlich schon bei Affen als Ventil ausgebildet, um Stress & Aggression abzubauen. Sicher haben sie auch schon die befreiende Wirkung des Lachens erfahren, die sich einstellt, wenn man die Situationskomik erfasst. Entwickeln Sie einen Sinn für die Pointen des Lebens. Dazu Heinrich Böll:

„Ich bin ein Clown & sammle Augenblicke“

Ein lieber Freund von mir lebt mit seiner Lebensgefährtin und den zwei Katzen, die diese in die Beziehung miteingebracht hat. Eine von ihnen ist trennungstraumatisiert. Sie war eigentlich die Katze des Ex-Partners von ihr. Sie hat es nicht verwunden, dass sie von ihrem Herrl verlassen wurde. Wenn das Paar etwas lauter streitet, kommt die Katze angerannt und setzt sich dazwischen. Sie hat gelernt: zuerst haben sie gestritten und dann wurde ich verlassen. Das tut sie in einer so witzigen Weise, dass das jeden Streit kaputt macht, weil beide über die Katzen unwillkürlicht schmunzeln. Wäre super, wenn mehr Paare so eine Anstandskatze hätten.

In unserer Familie gilt der Grundsatz:

„Irgendwann finden wir es lustig,
dann können wir auch gleich darüber lachen.“

Humor & Kreativität als siamesische Zwillinge

Pointen entstehen durch überraschende Wendungen. Häufig auch durch Doppeldeutigkeiten. Das heißt eigentlich aus Missverständlichem. Neuerdings liebe ich den Ausspruch:

„Ich habe mich gewogen.
Mit der Wasserwaage.
Ich bin wirklich schräg.“

Witzig finden wir, wenn Gegensätzliches aufeinanderprallt und vordergründig nicht zusammenpasst. Doch unser Hirn ist genial im Ursachen- & Sinnfinden auch von Unstimmigen. „Eine schwarze Katze sitzt vor einer verschlossenen Tür. Neben ihr liegt ein bunter Regenschirm.“ eignet sich hervorragend für den Einstieg in eine Geschichte. Sofort rattert unser Hirn, wie es zu dieser Situation kommt. Welche stimmige Bedeutung diese vorerst unzusammenhängende Beschreibung hat. Und es beginnt auch zu spekulieren, wie es weitergehen könnte. In Storytelling heißen solche Beschreibungen Wendepunkte, aus denen heraus sich eine ganze Geschicht entspinnt.

Die Kombination von Unterschiedlichem beflügelt auch unsere Fantasie und fördert damit unsere Kreativität. Mit den Worten von Ingeborg Bachmann:

„Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen
erweitern wir unsere Möglichkeiten.“

Das ist die Grundidee meines Möglichkeits-Meers: Aus Unterschiedlichkiet entstehen mehr Möglichkeiten für mehr Chancen.

„Vielfalt macht vieles vielleichter
und dadurch viel leichter.“

Mehr zur konstruktiven Unterschiedlichkeit – inkl. daraus resultierender Spannungen:

 

 

Über: Monika Herbstrith-Lappe

Geschäftsführende Unternehmerin von Impuls & Wirkung – Herbstrith Management Consulting GmbH, High Performance Coach, Keynote Speaker, Top Trainerin, Certified Management Consultant, Autorin von Büchern und Fachartikeln