Viele Menschen verbinden mit Konflikten negative Assoziationen. Doch viel schädlicher ist es, Spannungen zu negieren.

Jeder Konflikt ist auch emotional anstrengend und birgt ein Verletzungsrisiko. Einen Konflikt aufzugreifen, ist eine ZuMUTung für mich, den/die anderen und für unsere Beziehung: Es braucht Mut, sich einem Konflikt zu stellen.

Ich habe das Zutrauen, dass es nach Austragung des Konflikts besser ist als jetzt, darum tätige ich die emotionale Investition. Wenn mir die Beziehung wertvoll ist, dann habe ich auch das Vertrauen, dass unsere Beziehung so tragfähig ist, dass sie den Konflikt gut übersteht. Konstruktiv ausgetragene Konflikte stabilisieren Beziehungen. Diese sind danach sturmerprobt. Wenn es uns gelungen ist, einen Konsens zu finden, ist auch inhaltlich die Lösung besser als das, was jede*r Einzelne von uns zuvor angestrebt hat.

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Konflikte als emotionale Investition

In sozialen Medien kursiert der Spruch:

„Ich streite nur mit Menschen, die ich liebe oder die mir nahestehen.
Bei allen anderen lohnt sich der Aufwand nicht.“

Ihnen ist sicher schon aufgefallen, dass uns Dinge umso mehr unter die Haut gehen, je näher uns die handelnden Personen stehen. Meine Tochter hat im Alter von 14 Jahren zu mir gesagt:

„Mama, du erzählst ja in deinen Trainings, dass Konflikte Vertrauensbeweise sind.
Und weil ich dir vertraue, streite ich so gerne mit DIR!“

Der 1. Teil ihrer Aussage stimmt wirklich, auch wenn es von meiner Tochter mich manipulierend geäußert wurde.

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Wieviel & worin investieren?

Der Spruch „Ich streite nur mit Menschen …“ ist die eine Hälfte der Wahrheit. Denn es ist auch wesentlich zu betrachten, wie wichtig mir die Sache ist.

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1. Durchsetzen

Wenn für mich die Sache viel bedeutender als die Beziehung ist, dann ist es sinnvoll für diese zu kämpfen. Allerdings nur dann, wenn ich auch ausreichend mit Macht ausgestattet bin, mich auch durchzusetzen. Denn Macht ist die Fähigkeit gegen Widerstand etwas zu bewirken. Diese kann resultieren aus der hierarchischen Position, meiner Möglichkeit der Konsequenzen wie z.B. vertragliche Verpflichtungen, meiner Fachexpertise und Informationen, meinen Social Skills oder meiner Vernetzung mit vielen Verbündeten. Der Vorteil dieser Konfliktstrategie liegt naheliegender Weise darin, dass ich mein sachliches Ziel erreiche. Doch Gewinner*innen erzeugen Verlierer*innen. Daher belastet diese Strategie Beziehungen. Wenn ich die Anderen in der Umsetzung der Sache brauche, ist das kontraproduktiv. Außerdem muss ich viel kontrollieren und den Druck aufrechterhalten. Denn wenn der Kater außer Haus ist, dann feiern die Mäuse Kirtag. Außerdem ist es in unserer vernetzten Welt wahrscheinlich, dass wir uns in anderer Form wieder begegnen. Da könnte es für mich ungünstig sein, dass der/die Andere sich daran erinnert, mir einmal unterlegen zu sein. Es ist daher sinnvoll darauf zu achten, dass man möglichst wenig verbrannte Erde zurücklässt.

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2. Nachgaben

Wenn mir die Beziehung viel wichtiger ist als die Sache, dann kann es sinnvoll sein nachzugeben. Das beendet einerseits den Konflikt und schützt die Beziehung vor Verletzungen. Der Nachteil besteht darin, dass ich mein inhaltliches Ziel nicht erreiche. Außerdem kann eine Kränkung bleiben. Häufig führt immer wieder Nachgeben dazu, dass dann irgendwann eine Kleinigkeit das Fass zum Überlaufen bringt.

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Win-Lose

Durchsetzen und Nachgeben bedingt sich gegenseitig. Gesellschaftlich ist dies bei Männern und Frauen unterschiedlich bewertet. Was bei Männern als durchsetzungsstark gilt, wird bei Frauen schon als „Haare auf den Zähnen“ verurteilt. Umgekehrt wird Nachgeben bei Frauen eher als konziliant betrachtet und bei Männern als Zeichen von Schwäche abgetan.

Häufig führt Win-Lose im Laufe der Zeit zu Lose-Lose: z.B. könnte der/die Eine auf der Sachebene verlieren und der andere auf der Beziehungsebene. Oder im beruflichen Umfeld häufig zu beobachten: der/die Eine hat sich inhaltlich durchgesetzt und der/die anderen sabotieren dann die Umsetzung.

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3. Kompromiss

Wenn mir Sache und Beziehung wichtig sind, ist es klug, zumindest einen Kompromiss anzustreben. Der Vorteil besteht darin, dass beide einen Teilerfolg erzielen. Womit auch schon der Nachteil klar ist: Beide müssen auch Abstriche in Kauf nehmen. Ein Teil des Konflikts bleibt bestehen. Darum meint James Russell Lowell:

„Ein Kompromiss ergibt einen guten Regenschirm,
aber ein schlechtes Dach.“

Es ist eine provisorische Lösung. Es könnte sein, dass um die nicht erzielten Lösungen wiederum ein Konflikt ausbricht. Henry Kissinger geht noch weiter:

„Ein Kompromiss ist dann gut,
wenn beide Seiten gleichermaßen unzufrieden sind.“

Das ist dann der faule Kompromiss, den der Volksmund „Nicht Fisch und nicht Fleisch“ nennt. Alle Parteien können sich mit dem erlangten Ergebnis nicht identifizieren.

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4. Konsens

Wenn mir eine nachhaltige Lösung, die sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene stimmig ist, wichtig ist, ist es sinnvoll, sich um einen Konsens zu bemühen. Dieser besteht darin, in kreativer Weise eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten zumindest so gut, wenn nicht besser ist, als das ursprünglich angestrebte Ergebnis. Das ist natürlich das ideale Resultat. Der Nachteil besteht darin, dass Konsens zeitaufwändig und nicht immer möglich ist. Meiner Erfahrung nach jedoch viel häufiger als man zunächst denkt. Nachhaltiger Konsens braucht zunächst den Dissens: meine Bereitschaft mich darauf einzulassen, dass andere andere Bedürfnisse haben und andere Ziele verfolgen. Meist muss man dazu in kreativer Weise zusätzliche Perspektiven einbringen. Dazu Heimito von Doderer:

„Alles hat zwei Seiten.
Aber erst wenn man erkennt, dass es drei sind,
erfasst man die Sache. “

Schließlich kann auch die Münze nicht nur Kopf oder Zahl zeigen. Wenn sie auf der Kante steht, kann man beide Seiten sehen.

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Meiden Sie die Fried-Höf-lichkeit

5. Flüchten

Wenn mir Beziehung und Sache nicht so wichtig sind, dann ist es sinnvoll zu fliehen. Das Thema zu wechseln, den Sprechenden den Rücken zukehren oder innerlich die Ohren zu schließen. Diese Strategie „Unrat vorbeischwimmen zu lassen“ ist angemessen bei flüchtigen Beziehungen.

Konflikt ist erst, was beide als Konflikt aufgreifen. Häufig hat man dann den Konflikt, ob man einen Konflikt hat. Wenn ich zu meinem Mann sage: „So eine Kleinigkeit, es lohnt gar nicht, darüber zu streiten.“ bewerte ich damit nicht nur die Sache sondern auch das Bedürfnis meines Partners und damit meine Beziehung zu ihm als unwichtig.

Als ehemals höchst artiges Kind ist der Rückzug meine antrainierte bevorzugte Konfliktstrategie. Doch jetzt weiß ich:

„Konfliktvermeidung vermeidet nicht den Konflikt sondern die Lösung.
Der Konflikt bleibt ja bestehen.“

Des lieben Friedens willen blieb ich früher trotz Ärgernissen höflich. Doch das erzeugt Minenfelder. Wenn man heiße Kartoffeln unter den Teppich kehrt, stolpert man immer wieder darüber. Irgendwann fliegen sie einem dann um die Ohren. Durch das lange Lagern werden sie nicht appetitlicher.

Außerdem macht man als Konfliktvermeider*in dann auch einen weiten Bogen um konfliktträchtige Themen. Konfliktscheue Menschen tabuisieren, was zum lauernden Konflikt führen könnte. Wenn man das immer wieder so macht, führt das zur Sprachlosigkeit. Die harmlosen Themen gehen allmählich aus.

Daher habe ich als junge Erwachsene damit begonnen, mein Repertoire an Konfliktstrategien zu erweitern, um je nach meiner Bewertung der sachlichen und der Beziehungs-Ebene eine angemessene Vorgehensweise zu wählen.

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Individuelle Analyse des persönlichen Konfliktprofils

Der Wissenschaftsverlag Wiley, bei dem sehr viele Nobelpreisträger publizieren hat auf Basis umfangreicher psychologischer Studien, das höchst innovative Analysetool Productive Conflict entwickelt. Mit Productive Conflict können wir erkennen, welche Präferenzen bzgl. unseres Verhaltens bei Konflikten wir im Laufe der Zeit entwickelt haben. Die unterschiedlichen Verhaltensprofile haben jeweils Vor- und Nachteile. Speziell, wenn wir uns ärgern oder kränken verfallen wir häufig in die destruktiven Verhaltensmuster. Wenn es uns gelingt auf die innere „Alarmglocke“ zu hören, können wir automatisierte kontraproduktive Verhaltensmuster in neue zielführende umpolen.

Wenn Sie an einer individuellen Analyse Ihres Konfliktverhaltens mit einem darauf aufbauenden persönlichen Coaching zur Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen interessiert sind, können Sie mich gerne kontaktieren.

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Konfliktstrategien:
Wann welche Strategie vorteilhaft für Sie ist

Missverständnisse durch Distant Working, Familienzoff im Homeoffice: Corona stellt unsere Konfliktfähigkeit auf die Probe. Diese Strategien stehen Ihnen zur Verfügung.

In gekürzter Form ist obiger Blogbeitrag auch auf Port41 erschienen.

Monika Herbstrith-Lappe

Über: Monika Herbstrith-Lappe

Geschäftsführende Unternehmerin von Impuls & Wirkung – Herbstrith Management Consulting GmbH, High Performance Coach, Keynote Speaker, Top Trainerin, Certified Management Consultant, Autorin von Büchern und Fachartikeln