„Es gibt keine kleinen Rollen.
Es gibt nur kleine Schauspieler*innen.“

In Anlehnung an diese Aussage vom Regisseur und Schauspieler Konstantin Stanislavski stelle ich die These auf:

Es gibt keine trocken-langweiligen Themen.
Es gibt nur trocken-langweilige Präsentationen.

Schön ist alles, was man mit Liebe betrachtet. Interesse findet, was interessant vermittelt wird. Geschichten sind eine wunderbare Verpackung – und kein Ersatz – für fundierte Inhalte. Storytelling ist das Gegenteil von „G’schichteldrucken“: letzteres soll von den Fakten ablenken. Storytelling hingegen fokussiert die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Botschaft.

Mit Geschichten Gehör und Akzeptanz finden

Im Alter von 22 Jahren bin ich nach Abschluss meines Doppelstudiums der Mathematik und Physik in der Erwachsenbildung gelandet. Einer der 30 Männer, die ich in der berufsbegleitenden Ingenieursausbildung unterrichtete, war Siegfried Wolf, der spätere Magna-Chef und Aufsichtsratspräsident der Österreichischen Industrieholding AG. Damals war er bereits Qualitätsdirektor der Hirtenberger AG. Und ich habe ihn – frisch von der Universität kommend – in statistischen Methoden der Qualitätssicherung unterrichtet und geprüft. Ich habe es überlebt. Im Nachhinein habe ich reflektiert, wie mir das gelungen ist.

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Rat-Schläge sind emotionale Ohrfeigen

Als Mathematikerin bin ich mit den Zusammenhängen der statistischen Methoden zu tiefst vertraut. Doch hätte ich meinen Schülern meine intellektuelle Überlegenheit spüren lassen, hätten sie mit ihren beruflichen Erfahrungsschätzen gekontert. Druck erzeugt Gegendruck. Nicht nur in der Physik. Auch in zwischenmenschlichen Begegnungen. Schnell wären wir in einer Lose-Lose-Strategie gemeinsam im Abgrund gelandet. Stattdessen habe ich aufs Erfolgsdreieck gebaut:

  • Ja zu meinem Gegenüber.

  • Ja zum Thema & Inhalt.

  • Ja zu mir.

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Außerdem erlebten meine Schüler, wie ich mich dafür engagierte, dass sie am Ende des Schuljahres die externe Prüfung erfolgreich bestehen. Wir hatten ein starkes gemeinsames Ziel.

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Interesse wecken & Aufmerksamkeit fördern

Um meine Abendschüler munter und aufmerksam zu halten, habe ich die Formeln in sinnliche Geschichten verpackt. Die Rechenbeispiele habe ich mit hofnärrischem Humor gewürzt. So waren bei mir z.B. die Würfel für die Wahrscheinlichkeitsberechnungen knallgrün und kanariengelb und bei den Normalverteilungsbeispielen habe ich saftige Steaks strapaziert. Die Gauß’sche Glockenkurve habe ich ihnen sogar vorgetanzt. 30 Jahre später wissen sie noch, dass die Standardabweichung Sigma in Brusthöhe ist. Sigma ist die halbe Breite der Glockenkurve an der Stelle der Wendepunkte ist korrekt. Aber sie hätten es längst vergessen. Merk-würdiges merkt man sich eben. Eselsbrücken sind einprägsam und erleichtern das Lernen.

bullet-15Merk-würdige Eselsbrücken

Der Begriff „Eselsbrücke“ kommt übrigens daher, dass Esel auch nicht durch seichtes Wasser gehen wollen. Weil sie nasse Hufe meiden, werden sie bockig. Daher ist es klüger, den Umweg über eine Eselsbrücke zu nehmen. Auch ich hätte ihnen die Theorie des Storytellings auf dem direkten Weg erklären können. Doch bei der Auflistung von nackten Fakten geht das Hirn schnell in den Widerstand des Desinteresses. Daher ist es zielführender den Umweg über Geschichten zu gehen.

Im Konkreten eine Mischung aus Überzeugungs-Story – vielleicht habe ich ja auch Ihnen schmackhaft gemacht, selbst Hardcore-Themen wie statistische Auswertungen oder normative Forderungen einmal anders aufzubereiten – und einer Personality Story: ich habe ihnen meinen beruflichen Hintergrund in Verbindung mit dem Thema vorgestellt.

bullet-15Geschichten zum Erläutern komplexer Zusammenhänge

Vor kurzem habe ich ein Interview zum Thema Storytelling gegeben. Auch wenn meine Themen mittlerweile freudvolle Leistungsstärke, Stressmanagement, Krisenfestigkeit und Resilienz sind, nutze ich immer noch konsequent Geschichten als Verpackung der Inhalte. Eine der Fragen war, wie es kommt, dass ich bereits seit den frühen 80er-Jahren diese didaktische Methode nutze – lange bevor Storytelling zu einem weit verbreiteten Schlagwort wurde. Das war eine gute Frage. Denn sie hat mich zum Nachdenken gebracht. Und ich habe die Antwort gefunden: Meine Wissensheimat ist u.a. die theoretische Physik. Die Zusammenhänge in der Relativitätstheorie und der Quantenphysik sind derartig komplex, dass die Physiker*innen Analogien von Geschichten nutzten, um die abstrakten mathematischen Formeln zu veranschaulichen. Sie sprachen von Zügen, Rolltreppen und Aufzügen oder Zwillingspaaren und der vielzitierten Schrödinger-Katze, um ihre Erkenntnisse einem breiteren Publikum zu vermitteln. All dies sind Erläuterungs-Stories. Storytelling ist daher die mir „natürliche“ Form des Lehrens und des Lernens. Geschichten zu erzählen gehört zu den Grundbedürfnissen aller Gesellschaften unserer Welt.

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Lustvoll lernen = nachhaltig lernen

Meine Tochter hat an der Technischen Universität Bauingenieurwesen studiert. Um Schüler*innen der Gymnasien ein technisches Studium schmackhaft zu machen, hat sie im technischen Museum einen Vortrag gehalten: „Faszination Bautechnik: Brücken spannen und Talsperren errichten“. Für ihre Präsentation hat sie sich für die Methode Storytelling entschieden. So hat sie z.B. erzählt, dass der Maltastausee der größte Stausee Österreichs ist. Er ist so groß, dass man die Großstadt Wien vom 1. Jänner bis zum 17. November mit seinem Wasser versorgen könnte. So viel Wasser braucht natürlich nicht nur eine breite und hohe sondern auch dicke Staumauer. Das führt dazu, dass in der Staumauer so viel Beton verarbeitet ist, dass man damit eine vierspurige Autobahn vom Stadtrand von Wien bis kurz vor Graz nämlich bis nach Gleisdorf bauen könnte. Das ist wesentlich anschaulicher als ein Speicherraum von 200 Mio. m3 und ein Betonvolumen von 2 Mio. m3. Außerdem hat sie den Kindern erzählt, dass ich ihr schon früh erklärt habe, dass Druck die Katzenpfote ist: Wenn die Katze flach am Bauch liegt, ist es angenehm. Da spürt man das Gewicht und das ist eine Kraft. Wenn die Katze mit den Pfoten über den Bauch geht, tut es hingegen weh: Kleine Pfote großer Druck.

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Ich habe diese Geschichte als Beispiel in einem Training Storytelling erzählt. Am 2. Tag ist eine Teilnehmerin auf mich zugekommen: „Du hast mir etwas angetan. Bis gestern habe ich gewusst, dass ich Physik hasse und niemals freiwillig an Physik denken werde. Heute kommt in der Früh die Katze zu mir und mir fällt dein „Druck ist Katzenpfote“ ein. Ein anderer Trainingsteilnehmer hat mir ein dreiviertel Jahr nach dem Training ein Foto mit einer frisch betonierten Kellerdecke mit dem Abdruck von Katzenpfoten gemailt. Einprägsame Geschichten sind – im Fall der Katzenpfoten im wahrsten Sinne des Wortes – prägend.

bullet-15Mit spannenden Geschichten die Aufmerksamkeit fesseln

Physikalisch betrachtet ist Spannung die Potentialdifferenz. Sie entsteht aus der Unterschiedlichkeit. Davon leben auch interessante Geschichten. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen macht es spannend.

Der Spannungsbogen beginnt mit einem Vertrauen stiftenden und Interesse weckenden ersten Satz. Geschichten fangen nie am Anfang an. Sie springen ins Thema und ziehen die anderen in die Geschichte hinein. Man befindet sich inmitten des Geschehens. „Vor einer verschlossenen Tür sitzt eine schwarze Katze. Neben ihr liegt ein bunter Regenschirm.“ Wenn eine Geschichte so beginnt, wollen Sie wissen, wie es zu dieser Szene kommt, warum ich Ihnen das jetzt erzähle und vor allem auch, wie es weitergeht. Ich erzeuge in Ihrem Kopf großes Kino. Genau darum geht es. Unser Hirn will, dass etwas einen stimmigen Sinn ergibt. Es will die Auflösung der offenen Fragen. Mit offenen Loops halten Sie die Spannung.

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Sie könnten z.B. eine Präsentation so beginnen:

„Ein Großteil der Ergebnisse liegt bereits vor. Vieles wurde bestätigt, was wir vermutet haben. Und von einigem waren auch wir völlig überrascht. Die zweitwichtigste Erkenntnis für uns ist …“

Wenn das am zweitwichtigsten ist, was ist dann am wichtigsten? Aber sie erzählen zuerst, was die drittwichtigste Erkenntnis ist. Und was auch noch erwähnenswert ist. Weil das Allerwichtigste heben Sie sich für den krönenden Abschluss auf. Und Sie sagen es auch dann noch nicht sofort sondern Sie schieben noch eine rhetorische Frage ein:

„Und was könnte jetzt noch wesentlicher als all das sein, was ich Ihnen schon bisher erzählt habe?“

Fragen laden ein zum Weiterdenken …

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Übrigens in meinem exzessiven Mathematikstudium habe ich die Dramaturgie von mathematischen Beweisen optimiert. Wenn etwas in der Vorlesung handwerklich plump ohne jeden Esprit bewiesen wurde, habe ich meine Hirnwindungen ausgekringelt, um vielleicht doch einen eleganteren Beweis zu finden. Es war mir eine tiefe Freude, Ableitungen dahinplätschern zu lassen und dort wo meine Zuhörer*innen es am wenigsten erwartet hätten, das erlösende „quod erat demonstrandum“ zu erzielen. Aristoteles nennt es in seinem berühmten Buch die Katharsis: das befreiende Aufatmen nach dem Mitfiebern zwischen Hoffen und Bangen.

bullet-15Mit Pointen würzen

Geschichten sind ein Spiel mit Erwartungen. Sie beginnen vertraut und nehmen überraschende Wendungen. So können Sie einfach die Korrektheit des eingangs zitierten Ausspruch von Konstantin Stanislavski genauso checken wie den Lebenslauf von Siegfried Wolf und die Daten zum Maltastausee. Übrigens meine Tochter heißt Hanna Herbstrith. Konkrete überprüfbare Details vertiefen die Glaubwürdigkeit. Je authentischer Geschichten sind, desto stimmiger können Sie sie vermitteln. Daher sind persönliche Geschichten die wirkungsvollsten.

bullet-15Zu meinen Lieblingszitaten zählt auch dieses von Heinrich Böll:

„Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke.“

Schärfen Sie Ihre Wahrnehmung und beginnen sie spannende Begebenheiten zu sammeln. Je größer Ihr Fundus an Episoden umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass Sie für ein Thema fündig werden.

bullet-15Aus Spannung Spannendes entwickeln

Erinnern Sie sich noch an die Eselsbrücke „URI“ für das Ohm’sche Gesetz?

Spannung U = Widerstand R * Stromstärke I

Genau so funktionieren Geschichten. Storytelling in einem Satz konzentriert: Jemand will etwas unbedingt erreichen und stößt dabei auf Widerstände. Im Zentrum steht ein aufzulösender Konflikt. Wenn das gelingt, entsteht der Flow des gemeinsamen Erlebens.

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Ich habe einen jungen Experten gecoacht, der vor der Herausforderung stand, am Ende einer Geschäftsführer*innen-Klausur ein Tool vorzustellen, mit dem die Daten-Transparenz erhöht und damit das Risiko minimiert werden kann. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass die Landesgeschäftsführer nicht nur freudig darauf reagieren, wenn ihnen die Zentrale besser hinter die Karten schauen will.

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Der berühmte Gestalttherapeut und Bestsellerautor Jorge Bucay bringt es auf den Punkt:

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen
& Erwachsenen, damit sie aufwachen.“

Also haben wir gemeinsam eine wachrüttelnde Geschichte entwickelt, um die Zustimmung von den nach einem langen Vortragstag ermüdeten Geschäftsführer*innen zu gewinnen. Seine Führungskraft hat ihn als Experten anmoderiert. Auch eine ganz wichtige Lektion von Theaterschaffenden:

König*innen rollen nicht selbst den Roten Teppich aus.

bullet-15Er hat die Vorschussvertrauen erzeugende wertschätzende Anmoderation als Sprungbrett genutzt:

„Ich bin nicht nur Experte für Risikomanagement. Ich brenne für das Thema. Apropos: derzeit gibt es ja so viele Brände in Kalifornien. Weil ich das Land liebe, habe ich viel über die Waldbrände gelesen. Und da habe ich von einer ganz anderen Gefahr erfahren, mit der ich nicht gerechnet hätte. In den kalifornischen Weinkellern werden jährlich mehrere hochgiftige Kobren gefunden und gefangen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie erwarten Besuch von ihrem zukünftigen Schwiegervater und wollen ihn mit einem besonderen Rotwein aus dem Keller beeindrucken. Wer von Ihnen sagt: „Ich gehe am besten in den dunklen Keller, damit ich die Schlangen nicht sehe. Schließlich bin ich noch nie gebissen worden.“ Und wer von Ihnen ist dafür: „Jetzt ist es wichtig, dass wir eine gründliche Beleuchtung schaffen, damit wir auch die letzten Winkel ausleuchten können, um gefahrlos den wertvollen Rotwein holen zu können.““

Die Metapher des Weinkellers hat sich durch die ganze Präsentation gezogen – so wie bei mir in diesem Artikel das Theater und die Physik. So wollte er am Schluss mahnen: das beste Tool kann nur so gut sein, wie die Datenqualität mit der Sie es befüllen. Das war dann mit seiner Geschichte verpackt: Eines ist auch klar: die besten Winzer*innen brauchen gute Trauben, um Spitzenwein keltern zu können. Und das übliche „Danke für Ihre Aufmerksamkeit“ war durch ein Zuprosten mit zwei edlen Rotwein-Gläsern ersetzt.

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In der Theatersprache heißt es übrigens Betrag: Wenn es um Wichtiges geht, so steigert dies die Spannung. Darum der erste Besuch des zukünftigen Schwiegervaters oder wichtiger Geschäftspartner*innen oder besonderer alter Rotwein oder eine hochgiftige Schlange.

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Viel Spaß mit Ihren Geschichten

Die Präsentation des Risikoexperten war ein voller Erfolg. Alle haben ihr Smartphone weggelegt und sind mit Interesse den Ausführungen gefolgt. Das Ziel war, dass man zwei bis drei Geschäftsführer*innen für einen Pilotbetrieb gewinnt. Plötzlich wollten es alle. Das hat das Team fast überfordert. Die Führungskraft des Experten war stolz auf seinen Schützling. Seine Rückmeldung zu dem ansonsten eher schüchternen Mann: „Es war eine Freude Ihnen zuzusehen. Ich habe sie noch nie so selbstbewusst strahlend erlebt.“

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Charismatische Held*innen

Erwünschter Nebeneffekt von Geschichten: sie bieten auch den Erzählenden Halt. Sie verleihen die inspirierende Stärke von Held*innen. Seine Nervosität vor der Präsentation – schließlich war es auch Neuland und sogar Stilbruch statt Screenshots vom Tool die Rotwein-Schlangen-Geschichte zu erzählen – konnte er leicht überwinden, weil er selbst in der schelmischen Vorfreude der bevorstehenden Überraschung war. Schließlich wusste er, dass die 1. Folie hinter der uniformen Titelfolie ein beeindruckendes Foto einer aufgerichteten Cobra war. Weil er selbst in der freudigen Vorspannung der Geschichte war, konnte er die Inhalte spannend erzählen.

bullet-15Beglückender Flow

Erich Kästner hat einmal gesagt:

„Nur wer erwachsen wird & Kind bleibt,
ist Mensch.“

Genau darauf beruht Storytelling: Mit Geschichten bewirken „erwachsene“ Inhalte bei Menschen aller Altersgruppen das faszinierte Staunen von strahlenden Kinderaugen – bei den Erzählenden und dem Publikum.

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Storytelling – das Gegenteil von G’schichteldrucken

In gekürzter Version ist dieser Artikel als Gastbeitrag bei Egger & Lerch veröffentlicht worden.

Ob Bauphysik, ein mathematischer Beweis oder Stressmanagement: Mit Storytelling kann man die komplexesten Inhalte so vermitteln, dass alle sie Jahre später noch wissen. Aber welche Mechanismen stecken dahinter? Und wussten Sie, dass man die Gauß’sche Kurve sogar tanzen kann?
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Monika Herbstrith-Lappe

Über: Monika Herbstrith-Lappe

Geschäftsführende Unternehmerin von Impuls & Wirkung – Herbstrith Management Consulting GmbH, High Performance Coach, Keynote Speaker, Top Trainerin, Certified Management Consultant, Autorin von Büchern und Fachartikeln